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15. April 2019

Auf Schatzsuche im Museum – Kunstwerk nach zwei Jahrzehnten wiederentdeckt

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im Bild von rechts: Bernd Krimmel, Jürgen Volkmann

Behutsam betastet der Künstler sein Werk, lässt seine Finger über die bunten Mosaiksteine gleiten und wendet sich zufrieden wieder der kleinen Runde zu, die sich an diesem strahlenden Frühlingsmorgen im Groß-Gerauer  Museum eingefunden hat. Und dann beginnt Bernd Krimmel  damit, sein beeindruckendes Mosaik zu erläutern, das hier nach fast 20 Jahren aus einem wahren Dornröschenschlaf zu neuem Leben erweckt wurde.

Die Geschichte dieser Erweckung beginnt mit einem Tod. Dem des bekannten Architekten Fritz Novotny, der in den fünfziger Jahren die Stadt Groß-Gerau beim Sprung in die Moderne unterstützte, indem er zwei prägende Bauten am Marktplatz entwarf: Das Stadthaus und das AOK-Gebäude, heutiges Stadtmuseum. Als Novotny im Dezember letzten Jahres im Alter von 89 Jahren verstarb, war dies für Museumsleiter Jürgen Volkmann Anlass, sich noch einmal intensiv mit der Geschichte und der Architektur seines Hauses zu befassen. Dass er dabei unweigerlich auf die Kunst am Bau stieß, verwundert nicht, waren doch in den fünfziger Jahren öffentliche Bauträger angehalten, Neubauten mit Kunstwerken zu verbinden. Diese sollten die Gebäude nicht nur schmücken, sondern auch helfen, einen gewissen Optimismus in der Bevölkerung zu verbreiten. Ein solches Kunstwerk hat Bernd Krimmel, heute 92 Jahre alt, auf Vermittlung seines Freundes Fritz Novotny  im damaligen AOK-Verwaltungsbau geschaffen. Zentraler Blickfang des mehrteiligen Werkes ist ein Mosaik im Erdgeschoss, das vor knapp 20 Jahren, als das Gebäude längst zum Museum mutiert war, hinter einer Wand eingehaust wurde.

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Eine Nachfrage dazu kam fast zeitgleich zu Jürgen Volkmanns Nachforschungen von Tobias Krimmel, der wiederum derzeit damit befasst ist, eine Bestandsaufnahme der zahlreichen Kunstwerke seines Vaters in und an öffentlichen Gebäuden zu machen. Und somit war klar: Das Mosaik muss der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden.

Gewissermaßen als Schatzsucher kamen dann die städtischen Hausmeister Dieter Mende, Dirk Holl und Sebastian Lortz ins Spiel. Sie bauten in mehrtägiger Arbeit die massive hölzerne Wand wieder ab, die Ende der neunziger Jahre für ein Kunstprojekt  der von Pedro Warnke gegründeten Initiative GG aufgestellt worden war, und anschließend ganz einfach stehen gelassen wurde. Nachdem die Wand weg war galt es dann, behutsam eine dicke Staubschicht über den kleinen Glassteinchen zu entfernen.

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Und nun erstrahlt das Kunstwerk im lichtdurchfluteten Museum, als wäre es gerade erst fertiggestellt worden. Kräftige Blautöne, sattes Grün und Grau, dazwischen stechen wie auf einem Kunstteppich goldene Flächen heraus, und kleine, limettenfarbige Steine blitzen auf. Damit erschließt sich dem Betrachter auch wieder das raumdurchdringende Kunstkonzept, das Bernd Krimmel hier erdacht und realisiert hat. Denn an  dem fünf Meter breiten Hauptwerk vorbei fällt der Blick auf die dahinter in den Zwischengeschossen befindlichen Werke; oben ein großformatiger Äskulapstab, darunter ein flächiges, abstraktes Bildnis und von der Decke herabhängend ein Würfel mit einem Frauenkopf und Vögeln.

Mit sichtlichem Vergnügen betrachtet Bernd Krimmel bei seinem Besuch gemeinsam mit seinem Sohn Tobias und Tochter Babette sein Schaffen. Weil er fast erblindet ist, legt er ab und an  prüfend die Hand auf eine der Flächen. Ein ganzes Jahr lang habe er an dem Kunstwerk  gearbeitet, erzählt er, teilweise auch nachts. Einmal habe ihn sogar die Polizei verhaften wollen, der das nächtliche Licht verdächtig war.

Das jetzt wieder sichtbare Mosaik sei der behütenden Familie gewidmet, erläutert Krimmel seine künstlerische Intention. Dem Betrachter erschließt sich das nicht auf den ersten Blick. Aber mit ein wenig Anleitung durch den Meister sieht man die Mutter, welche schützend die Hände über ihr Baby legt, und den ruhenden Mann, der es sich offenbar recht gemütlich gemacht hat.

Der Dank der Familie Krimmel gilt an diesem Tag den städtischen Mitarbeitern für deren Einsatz bei der „Neuentdeckung“ des Mosaiks. Lob gibt es zudem beim Rundgang durch das Museum für die Ausstellungskonzeption, unter anderem im Raum, der dem Maler Wilhelm Altheim gewidmet ist.

Dass dieses Lob aus berufenem Munde stammt, gilt es hervorzuheben, denn Bernd Krimmel ist ein bekannter Mann in der Kunstszene. Unter anderem war er Geschäftsführer der Darmstädter Sezession sowie später Kulturreferent und Leiter des Stadtmuseums in Darmstadt. Als Gründungsdirektor prägte er das Institut Mathildenhöhe. Mit der avantgardistischen Kunst am Bau verdiente er in den fünfziger und sechziger Jahren seinen Lebensunterhalt. Dabei arbeitete er auch viel für Schulen, Kindergärten und Kinderkliniken. In Wallerstädten hat er beispielsweise ein Fensterbild für die Schule gestaltet. Als Maler und Zeichner wirkt Bernd Krimmel noch heute in seinem Eberstädter Atelier. Obgleich er fast nichts mehr sehen kann, aquarelliert er mit großer Freude und schafft weiterhin faszinierende Kunstwerke.