Museumsleiter Jürgen Volkmann geht: Ende einer Ära
Das Groß-Gerauer Stadtmuseum - es ist untrennbar mit dem Namen von Jürgen Volkmann (68) verknüpft. Er hat das Museum in seiner heutigen Form aufgebaut, mit seinen Vorträgen und Rundgängen Stadtgeschichte anschaulich und kenntnisreich vermittelt. Mit ihm in Groß-Gerau unterwegs zu sein, ist immer ein Gewinn. Schon einmal hat er seinen Vertrag verlängert, Ende Februar 2026 aber geht er nun in den Ruhestand. Damit endet eine Ära. Die Lücke, die er hinterlassen wird, ist riesig.
Über die Jahrzehnte hat sich der gebürtige Niedersachse tief in Groß-Geraus Stadtgeschichte eingegraben, weiß praktisch zu allem etwas zu berichten. Groß-Geraus ist ihm zur Heimat geworden. Nur der Versuch, Hessisch zu sprechen, will immer noch nicht so recht gelingen. Ansonsten aber geht er längst als „Gerer“ durch.
Aufgewachsen in Niedersachsen, Studium in Marburg
Aufgewachsen in einem kleinen Dorf nahe Rotenburg an der Wümme (bei Bremen), hat Volkmann von 1979 bis 1987 in Marburg Geografie, Europäische Ethnologie und Geschichte studiert. Anschließend war er von 1987 an am Landesmuseum Darmstadt in der Museumsberatung für Südhessen tätig. Als 1989 in Groß-Gerau die Stelle eines hauptamtlichen Museumsleiters ausgeschrieben wurde, warf Volkmann seinen Hut in den Ring – und setzte sich unter rund 170 Bewerberinnen und Bewerbern durch.
Der damalige Bürgermeister Manfred Hohl ließ ihm beim Aufbau des Hauses in den Räumen der früheren AOK am Marktplatz alle Freiheiten. „Für den großen Spielraum, den man mir ermöglicht hat, bin ich sehr dankbar“, sagt Volkmann. Am 13. Februar 1993 wurde die erste Dauer-Ausstellung eröffnet, die sich mit der Zeit vom Frühmittelalter bis zur Industrialisierung befasste.
Museum und Kultur immer gemeinsam gedacht
Schon in der Aufbauphase versuchte Volkmann, das Haus mit Leben zu füllen. Konzerte, Vorträge, Sonderausstellungen – das Museum sollte in seinen Augen von Anfang an mehr sein als eine Stätte der reinen Geschichtsvermittlung. Volkmann machte es zu einem Treffpunkt der Stadtgesellschaft, zu einem kulturellen Leuchtturm, baute zudem das Altheim-Kabinett mit Werken des Groß-Gerauer Malers auf.
Unter Manfred Hohl initiierte er die Reihe „Groß-Gerauer Akzente“: Commedia dell’arte im Scharfrichterhaus, Flamenco im Wasserturm, Jazz im Wallerstädter Dorfzentrum oder Barockmusik in der Berkacher Kirche – Volksmanns Wirken ging über das Museum hinaus. Später musste er in puncto Veranstaltungen aus finanziellen Gründen etwas kleinere Brötchen backen, was ihn aber nicht daran hinderte, mit Jazzmatineen, Klavierkonzerten und Ausstellungen weiter anspruchsvolle Angebote zu unterbreiten. Auch Kooperationen mit Schulen waren und sind ihm ein großes Anliegen.
Erneute Umgestaltung im Jahr 2007
In die Amtszeit von Helmut Kinkel fiel 2007 die Eröffnung der neugestalteten, zweigeteilten Dauerausstellung. Sie befasst sich zum einen mit der Römerzeit, zum anderen mit der jüngeren Stadtgeschichte im 20. Jahrhundert. „Die Schau bietet Anknüpfungsmöglichkeiten fürs eigene Erinnern und Reflektieren“, sagt Volkmann. Viele Ereignisse, Menschen und Firmen in der Ausstellung sind den Groß-Gerauern bis heute präsent.
Was Volkmann ein wenig bedauert, ist der Umstand, dass nicht allzu viele Einzelbesucher den Weg in das Schmuckkästchen am Marktplatz finden. Dafür hat er unzählige Schulklassen und Gruppen mit seinen Führungen durch Groß-Gerau begeistert. Wer einmal mit ihm durch die Stadt gelaufen ist, der weiß, wie packend Volkmann Geschichte vermitteln kann.
Ausstellungen auch in die Stadt getragen
Nach draußen zog es ihn auch mit mancher Ausstellung: Die zum Einzelhandel präsentierte er in den Haupteinkaufsstraßen, eine zur römischen Siedlung Auf Esch am Originalschauplatz. Geschichte dort zu vermitteln, wo sie am anschaulichsten ist – daran hatte Volkmann stets große Freude.
Im Lauf der Jahre kamen mehr als zwei Dutzend Bücher dazu, die meisten davon ausstellungsbegleitende Veröffentlichung. In Zusammenarbeit mit dem Groß-Gerauer Echo entstand die Reihe „Stück für Stück Geschichte“, in der Exponate aus dem Museum vorgestellt wurden.
„Groß-Gerau als historisch gewachsener Ort bietet viel Interessantes, vieles, was einen inspiriert. Die Stadt hat ein Gesicht, das sich einer eindeutigen Zuordnung entzieht, ist weder Fachwerk- noch Residenzstädtchen. Gerade in dieser Vielschichtigkeit aber liegt der Reiz Groß-Geraus“, findet Volkmann, der neben Hohl und Kinkel noch die Bürgermeister Stefan Sauer, Erhard Walther und Jörg Rüddenklau miterlebt hat.
Der Austausch mit anderen, die vielen Begegnungen mit Menschen, die gute Zusammenarbeit mit dem Förderverein: Auch das hebt Volkmann, der in seiner Freizeit mit seiner Katrin und auch den längst erwachsenen Kindern gerne reist, Ausstellungen und Kulturveranstaltungen besucht und ausgedehnte Touren auf dem Rennrad unternimmt, hervor.
Vom Museumsbau schwärmt Jürgen Volkmann
Ins Schwärmen gerät er, wenn er an den vom Architekten Fritz Novotny entworfenen und zwischen 1955 und 1957 errichteten Bau denkt, in dem heute das Museum untergebracht ist. „Das Haus bietet mit mehreren Ebenen und dem großen Atrium so viele Möglichkeiten. Ich bin dankbar, dass ich hier wirken durfte“, erklärt Volkmann. Schon das Gebäude lade dazu ein, Neugier für Geschichte, Kunst und Kultur zu entwickeln.
Dass die Leitungsstelle nach seinem Ausscheiden erst einmal nicht besetzt wird, er keine Nachfolgerin oder Nachfolger einarbeiten durfte, schmerzt ihn. 2029 feiert das einst von Wilhelm Hermann Diehl im Historischen Rathaus begründete Museum sein 100-jähriges Bestehen. Wenn man bis dahin die Zukunft des Stadtmuseums garantieren könnte, wäre aus seiner Sicht viel gewonnen. „Groß-Gerau braucht solch ein Haus.“
So ganz verabschiedet sich Volkmann zum Glück für die Kreisstadt nicht. Als stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins bleibt er dem Stadtmuseum erhalten. Auch um die ein oder andere Veranstaltung will er sich kümmern, Stadtführungen mit ihm wird es weiterhin geben. Das Stadtmuseum ohne Jürgen Volkmann: Dies wäre nur schwer vorstellbar.