Räume im Haus Raiss nach jüdischer Familie benannt
Die drei großen Begegnungsräume im Groß-Gerauer Haus Raiss tragen jetzt die Namen der jüdischen Vorbesitzerfamilie: In einer bewegenden Zeremonie wurden die Räume Gustav, Lina und Liesel Hirsch gewidmet. Die Raumwidmung vor rund 50 Besucherinnen und Besuchern erfolgte in Kooperation mit dem Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau sowie dem Evangelischen Dekanat Groß-Gerau – Rüsselsheim.
Wolfgang Prawitz, Pfarrer für Ökumene beim Evangelischen Dekanat Groß-Gerau – Rüsselsheim, bezeichnete es als großartige Idee, die Geschichte der in der NS-Zeit vertriebenen jüdischen Vorbesitzer wieder sichtbar zu machen und sie so in Erinnerung zu rufen. Die Anregung dazu kam von der Städtischen Seniorenarbeit. Bereits seit 2016 erinnern vor dem Haus Stolpersteine gegen das Vergessen an die Familie Hirsch.
Erinnerung soll wachgehalten werden
Groß-Geraus Bürgermeister Jörg Rüddenklau betonte, wie wichtig es sei, die Erinnerung wachzuhalten. „Es geht darum, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert.“
Das Haus Raiss hat eine bewegte Geschichte. Das frühere Gebäude wurde 1908 von Samuel und Juliane Hirsch erworben. Später lebte ihr Sohn Gustav mit seiner Frau Lina und der 1920 geborenen Tochter Liesel darin. Gustav Hirsch war Metzger und Viehhändler. Er galt als angesehene Persönlichkeit in der Stadtgesellschaft und war auch Vorsteher der Jüdischen Gemeinde.
Familie Hirsch wird zum Verkauf gezwungen
In der Pogromnacht am 9. November 1938 verwüsteten nationalsozialistische Akteure das Haus der Familie Hirsch. Gustav Hirsch wurde in „Schutzhaft“ genommen und für einen Monat im Konzentrationslager Buchenwald interniert. Die Nationalsozialisten versagten ihm das Recht, seinem Beruf nachzugehen und zwangen ihn, sein Haus zu verkaufen.
Günstig erworben wurde das Gebäude vom Groß-Gerauer Malermeister Philipp Raiss, nach dem das Haus Raiss bis heute benannt ist. Den Hirschs gelang es, unterzutauchen und in die USA zu flüchten – erst die 18 Jahre alte Liesel, dann auch die Eltern. Erna Hirsch, eine Tochter Gustavs aus erster Ehe, wurde 1941 in der Tötungsanstalt Hadamar ermordet.
Malermeister Raiss vermacht das Haus der Stadt
Der kinderlose Philipp Raiss vermachte das Haus nach seinem Tod Anfang der achtziger Jahre der Stadt Groß-Gerau mit der Auflage, dort eine Einrichtung für Seniorinnen und Senioren zu schaffen. Am 7. Juli 1983 wurde das Haus Raiss als Senioren-Begegnungsstätte eröffnet.
Im Lauf der Jahre wurde das rege genutzte Haus trotz mehrerer Erweiterungen zu klein, zudem war es nicht barrierefrei. 2018 entschied sich die Stadtverordnetenversammlung für einen Neubau. Ende 2020 wurde das alte Haus Raiss abgerissen und anschließend durch den im Herbst 2023 bezogenen Neubau ersetzt.
Diskussionen um die Fassade des alten Gebäudes
Diskussionen gab es um die Fassade des Hauses, auf der Sgraffiti die vier Jahreszeiten zeigten. Diese Darstellung war in Groß-Gerau vielen ans Herz gewachsen, der Denkmalschutz hielt Gebäude und Sgraffiti aber nicht für erhaltenswert.
Auch im Förderverein Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau und der Stolperstein-Initiative sei über den Erhalt der Fassade gesprochen worden, berichtete Prawitz. Dabei sei man zu der Meinung gelangt, dass die Fassade die jüdische Geschichte eher verdecke.
Die Lebensgeschichte der Familie Hirsch stellten Julia Gärtner und Charlotte Schräpel aus dem Jahrgang 10 der Prälat-Diehl-Schule vor. „Wir können die Vergangenheit nicht abändern, aber wir müssen dafür sorgen, dass die Zukunft besser wird“, sagte Schräpel.
Schockierende Ereignisse bei Stolperstein-Reinigung
Andere Schülerinnen hätten sich zu einer Teilnahme an der Raumwidmung nicht mehr in der Lage gesehen, berichtete Prawitz. Bei einer Stolperstein-Reinigung hätten ihnen Passanten an zwei Stellen zugerufen, dass sie nicht an die Juden, sondern an die deutschen Soldaten in Stalingrad erinnern sollten. Auch eine Stellwand zur Aktion sei umgeschmissen worden.
Welche Bedeutung der Erinnerungsarbeit zukomme, legte Walter Ullrich in einem kurzen Vortrag dar. Der Vorsitzende des Fördervereins Jüdische Geschichte und Kultur erzählte von Gesprächen, die ihm gezeigt hätten, wie nötig es sei, sich zu erinnern. Wenn er die aktuellen Entwicklungen in Deutschland betrachte, werde ihm Angst und Bange.
Der Lehrer und kurzzeitige Groß-Gerauer Landrat Wilhelm Hammann, der in Buchenwald 159 jüdischen Kindern das Leben rettete, habe versucht, in seinen Schülern das Gute zu fördern. Darauf komme es an: Gute Spuren zu hinterlassen, an denen sich andere Menschen aufrichten könnten.
Stolpersteine stellen Verbindung zur Gegenwart her
Die Stolpersteine bezeichnete Ullrich als gute Möglichkeit, eine Verbindung zu den Menschen zu schaffen, die einst dort gelebt hätten.
Für die musikalische Begleitung der Feierstunde zeichneten am Piano Johanna Sattler und Clemens Winter von der Städtischen Musikschule verantwortlich. Mehrere Teilnehmerinnen berichteten eindrücklich, wieso es ihnen ein Anliegen war, zu kommen. Brigitte Keese vom Fachbereich Gesellschaft, Kultur und Soziales der Stadt Groß-Gerau ging auf die Weiterentwicklung des Hauses Raiss ein, in dem seit diesem Jahr auch das Sozial- und Integrationsbüro beheimatet ist.
Wolfgang Prawitz schließlich dankte allen, die an diesem Nachmittag erschienen waren. „Damit setzen Sie ein Zeichen gegen wiedererstarkenden Rechtsextremismus und Antisemitismus.“