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Datum: 14.04.2026

Bewegende Stolperstein-Verlegung in Wallerstädten

Es waren bewegende Szenen, die sich am Dienstagmorgen im Hof des Wallerstädter Dorfzentrums abspielten. Im Beisein von aus den USA angereisten Nachfahren der jüdischen Familien Rohrheimer und Schiff wurden zwischen dem Haus An der Pforte 11 und dem Dorfzentrum acht Stolpersteine verlegt.

Dort stand einst ein 1939 abgerissenes Häuschen, in dem Salomon Rohrheimer (1864 – 1942) und seine Frau Linchen Rohrheimer (1860 – 1939), ihre Tochter Delphine Schiff (1900 - 1980) mit ihrem Ehemann Theodor Schiff (1895 – 1956) und die vier Kinder Ludwig (Jahrgang 1923), Margot (Jahrgang 1924), Irene Schiff (Jahrgang 1928) und Ernst (Jahrgang 1929) ihre letzte frei gewählte Wohnstätte hatten.

Mit den vom Künstler Gunter Demnig gestalteten und verlegten Stolpersteinen wird an die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger erinnert, die unter der Herrschaft der Nationalsozialisten verfolgt, deportiert und ermordet oder zur Flucht gezwungen wurden.

In Groß-Gerau liegen nun 83 Stolpersteine

Nach der ersten Stolpersteinverlegung in Wallerstädten, zu der rund 120 Gäste gekommen waren, liegen in Groß-Gerau nun 83 Stolpersteine vor 19 Häusern. Europaweit sind es inzwischen mehr als 125.000 Stolpersteine in 32 Ländern.

Wolfgang Prawitz, Pfarrer für interreligiösen Dialog und Erinnerungskultur beim Evangelischen Dekanat Groß-Gerau/Rüsselsheim, wies auf den ganz besonderen Tag der Verlegung hin. Der 14. April 2026 nach dem Weltkalender ist der 27. Nissan 5786 nach dem jüdischen Kalender. Es ist der israelische Nationalfeiertag Jom haScho’a, mit dem an den Völkermord der Nationalsozialisten erinnert wird, deren Ziel es war, das jüdische Volk auszurotten. Mehr als sechs Millionen jüdische Menschen wurden während der Schoa (das Wort bedeutet großes Unglück) systematisch ermordet. Petra Kunik von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt sprach das Gebet „Jeder Mensch hat einen Namen“.

Wie ein Leitmotiv zog sich durch alle Redebeiträge die Überzeugung, dass die Erinnerung wachgehalten werden müsse, damit sich die furchtbare Geschichte des Holocaust nie wiederhole.

Bürgermeister Rüddenklau mahnt zu Einsatz gegen Menschenverachtung

Groß-Geraus Bürgermeister Jörg Rüddenklau sprach die Gräueltaten der Nazis an. Deren menschenverachtende Ideologie habe dazu geführt, dass viele aus der Gesellschaft ausgeschlossen worden seien. Die Einzelnen hätten nicht mehr gezählt, sie seien nur noch eine Nummer gewesen, die man ihnen eintätowiert habe. „Industrielle Massenvernichtung – ordentlich verwaltet.“ Die Stolpersteine mahnten dazu, sich für eine Welt einzusetzen, in der Menschenverachtung keinen Platz habe. In einer Zeit, in der der Antisemitismus weltweit an Boden gewinne, sei dies eine Verpflichtung.

Rund vier Jahre Recherchearbeit nötig

Für die AG Stolpersteine Wallerstädten, in der neben ihr Sabrina und Birk Kröger, Claudia Hinterthür, Klauspeter Schadt und Walter Ullrich aktiv sind, sprach Christine Raupp. Vor vier Jahren habe man mit den Recherchen zu den Familien Rohrheimer und Schiff begonnen, die Faktenlage sei anfangs dürftig gewesen. Der mittlerweile verstorbene Jochen Auer, der früher schon einmal einen Anlauf für eine Stolperstein-Verlegung in Wallerstädten unternommen hatte, habe Materialien zur Verfügung gestellt, es gab Bücher des früheren Bürgermeisters Helmut Grieser (1926 – 2024) und wertvolle Gespräche mit dem zwischenzeitlich ebenfalls verstorbenen Zeitzeugen Heinrich Diehl. Nach und nach habe man Lücken geschlossen, auf Passagierlisten festgestellt, dass Delphine und Theodor Schiff im Jahr 1940 mit vier und nicht wie zuvor angenommen mit zwei Kindern in die USA flüchteten und schließlich Kontakt zu deren Nachkommen herstellen können.

Walter Ullrich, Vorsitzender des Fördervereins Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau, hob vier Aspekte hervor, die ihm im Zusammenhang mit Stolpersteinen wichtig seien. Sie erinnerten an Menschen, die unsere Nachbarn gewesen seien, die den Kreis mitgestaltet hätten. Man könne um Stolpersteine streiten, solle ihnen aber verbunden bleiben – und ruhig mal ein Tuch in die Hand nehmen, um sie zu reinigen. Und viertens schüfen Stolpersteine Kommunikation, belebten längst aufgegebene Verbindungen neu.

Schülerinnen und Schüler stellen Lebensgeschichten vor

Schülerinnen und Schüler der Groß-Gerauer Prälat-Diehl-Schule unter Leitung ihres Geschichtslehrers Lennart Petrikowski ließen die Lebensgeschichte der acht Mitglieder der Familien Rohrheimer und Schiff auf Deutsch und Englisch Revue passieren, zeigten Bilder. Der Futtermittelhändler Salomon Rohrheimer sei lange ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft gewesen, habe 1907 den Waisenschutzverein gegründet. Dennoch sei er am 18. August 1942 im Alter von 78 Jahren nach Theresienstadt deportiert und dort am 9. Dezember 1942 ermordet worden.

Die Verbrechen seien nicht weit weg, sondern vor unserer Haustür, in unseren Straßen geschehen, erklärten die Schülerinnen und Schüler. Auch Lehrer Lennart Petrikowski legte dar, dass nicht allein Hitler, Himmler oder Göring die Menschen getötet hätten. Zu Ausgrenzung und Vernichtungswerk hätten auch Nachbarn ihren Beitrag geleistet. Indem man die Namen der Opfer ausspreche, widersetze man sich der Absicht derer, die aus der Geschichte auslöschen wollten.

Nachkommen berichten bewegend von Eltern und Großeltern

Von einem traurigen, aber auch schönen Tag sprach der aus den USA angereiste Murray Schiff. Viele Puzzleteile, die sie selbst nicht gekannt hätten, seien nun zusammengefügt, sagte Murray, der sichtlich mit den Tränen kämpfte. Er sprach von seinem Vater Ludwig, der mit 21 Jahren auf Seiten der US-Army an der Landung der Alliierten am Omaha Beach in der Normandie beteiligt gewesen sei.

Richard Jurgens, Sohn von Margot Schiff, dankte den Schülerinnen und Schüler und appellierte an sie, ihren Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Linda Schiff Waid und Faye Knowles berichteten bewegend von Eltern und Großeltern. Für die Familie bedeute der heutige Tag, ein Stück weit zur Ruhe zu kommen, sagte Faye Knowles.

Die Stolpersteine, deren Patenschaft Heidi Elisabeth Hinterthür und Claudia Hinterthür, Birgit Landau, Elsbeth Scherer, Stefan Landau, Inge und Jochen Auer, Sabrina und Birk Kröger, Margit und Tankred Bühler sowie Roswitha Velte-Hasselhorn übernommen habe, hatte Gunter Demnig schon während der Reden ins Pflaster des Gehwegs eingelassen. Im Anschluss an die Feierstunde wurden dort weiße Rosen abgelegt.

Eine kleine Ausstellung im Dorfzentrum informierte über die Familien Rohrheimer und Schiff, die Landfrauen sorgten zudem für einen kleinen Imbiss. Viele Besucherinnen und Besucher nutzten die Gelegenheit, sich über das Erlebte auszutauschen.