Viele Erinnerungen an untergegangene Betriebe
Jede Menge Erinnerungen hat Groß-Geraus früherer Museumsleiter Jürgen Volkmann bei seinem Besuch beim Seniorentreff Nord geweckt. In seinem Vortrag beschäftigte er sich mit „untergegangenen Betrieben“, die viele Besucherinnen und Besuchern noch gut kannten. Die vielen Aufnahmen aus dem Fotoarchiv des Stadtmuseums, die Volkmann zeigte, taten ihr Übriges, sich ein paar Jahrzehnte zurückversetzen zu lassen.
Da war zum einen die Zuckerfabrik, die 1883 ihren Betrieb aufgenommen hatte. Für zahlreiche Groß-Gerauerinnen und Groß-Gerau war der süßliche Geruch, der sich im Herbst über die Stadt legte, ein Stück Heimat, während Auswärtige ihm oft nicht sonderlich viel abgewinnen konnten. Volkmann hatte auch die passende Sentenz parat: „Wenn die Zuckerisch stinkt, kimmt Geld in die Kass“, was vor allem auf die Saisonarbeiter zutraf. Während der Kampagne zur Erntezeit beschäftigte die Fabrik, die auch als „Knochenmühle“ galt, in den fünfziger Jahren bis zu 1000 Mitarbeitende.
2007 die letzte Kampagne in der Zuckerfabrik
Das Aus für die „Zuckerisch“ kam mit der Reform der EU-Zuckermarktordnung. 2007 fuhr die Fabrik ihre letzte Kampagne, danach wurde alles dem Erdboden gleichgemacht. Heute befinden sich dort ein Gewerbe- und Logistikpark, eine kleine Parkfläche und das Wohngebiet „Am Zuckerwerk“.
Wie Volkmann darlegte, bildeten vor allem landwirtschaftliche Produkte die Grundlage für die Industrialisierung in Groß-Gerau. Förderlich für die Ansiedlung größerer Fabriken und Produktionsstätten war 1858 der Anschluss an die Ludwigsbahn (heutige Verbindung von Darmstadt nach Mainz). 1879 kam dann noch die Riedbahn (Frankfurt – Mannheim) dazu.
Union-Brauerei wurde an Henninger verkauft
Die Alte Mälzerei in der Frankfurter Straße im Stadtzentrum entstand 1863. Im Jahr 1868 meldete Baruch Marxsohn dann eine Brauerei an, die schon außerhalb der einstigen Stadtgrenzen angesiedelt war. Die später unter dem Namen „Union“ firmierende Brauerei verkaufte ihr Bier bis nach Aschaffenburg. 1967 wurde sie von der Frankfurter Henninger Brauerei aufgekauft, die Produktion bald darauf eingestellt. Noch etwas länger wurden „Bluna“ und „Afri-Cola“ hergestellt und abgefüllt. Das Sudhaus steht noch und ist heute Teil des Gewerbeparks „Alte Brauerei“.
Zu den großen Betrieben in der Kreisstadt gehörte auch die Konservenfabrik „Helvetia“, die 1899 die Produktion aufnahm und deren fast 90 Meter hoher „Hero-Schornstein“ zu den Wahrzeichen Groß-Geraus zählte. 1927 beschäftigte die Fabrik rund 900 Arbeiterinnen und Arbeiter.
Aus für Konservenfabrik „Helvetia“ kam 1973
In der kollektiven Erinnerung vieler Groß-Gerauer sind die „Klagemauer” und das „Kusswäldchen” geblieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeiteten zahlreiche junge Frauen aus Südeuropa – etwa aus Italien und Spanien – in der Fabrik. Viele Burschen aus Groß-Gerau versuchten anzubandeln. Und wenn man sich dann nach einem gemeinsamen Tag oder Abend wieder trennen musste, wurde an der Fabrikmauer geklagt.
Das Aus für die „Helvetia“ kam 1973, der schon deutlich gekürzte Schornstein wurde 1983 gesprengt. Heute stehen auf dem Areal an der Bahnlinie vor allem Wohnhäuser.
Volkmann sprach viele weitere Firmen an: die Anfang der 1930er-Jahre errichtete Molkerei (heute Edeka-Center) etwa, den holzverarbeitenden Betrieb von Philipp Lämmermann, den „Elektrischen Lämmermann“, die Firma Faulstroh („Fagro“) mit der legendären Handschubkarre „Gerer Fips“, die einst fast 30 Käsereien in Groß-Gerau oder die Raststätte an der einstigen Bundesstraße 42 (heute Aral-Tankstelle).
Auch den Einzelhandel spart Jürgen Volkmann nicht aus
Auch Einzelhandel, Gastronomie und Landwirtschaft wurden nicht ausgespart. Vom bis ins Jahr 1986 ausgerichteten Ferkelmarkt ging es zum Kolonialwarenhandel von Friedrich Becker in der Mainzer Straße über die Spenglerei Kleinböhl bis zum Zigarrengeschäft von Ludwig Schaffner, der „Feye Dante“, bei der es alles gab, was das Kinderherz begehrte, und dem Musikaliengeschäft Hess bis zum „Café Menne“ (heute Rathaus-Apotheke) und zur Gaststätte „Zum Wagenrad“ mit der Wirtin Elsbeth Krämer.
Die Zeit verging für die knapp 20 Zuhörerinnen und Zuhörer wie im Fluge, viele steuerten noch eigene Erinnerungen bei – der Vortrag bot reichlich Gesprächsstoff.
Der Seniorentreff „Nord“ ist eine Kooperation der Städtischen Seniorenarbeit mit der Kita Springberg im Rahmen des Konzeptes „Familienzentrum“. Die ehrenamtliche Leitung liegt in den Händen von Martina Rapp, die Treffen sind etwa alle vier Wochen. Die nächste Zusammenkunft ist am Dienstag, 17. November 2026, um 15 Uhr in der Kita Springberg (Danziger Straße 8). Anmeldungen sind bis Dienstag, 10. November 2026, bei der Städtischen Seniorenarbeit (Telefon 06152-716 5120 E-Mail seniorenarbeit@gross-gerau.de) möglich.