Radtour auf den Spuren der Groß-Gerauer Geschichte
Wo stand einst der Galgen, weshalb gibt es das Ebbelwoi-Päädsche, und warum befindet sich mitten im Groß-Gerauer Wald ein vier Meter hoher Obelisk aus gelb-rotem Sandstein? Antworten auf all diese Frage gab es am Samstag, 16. Mai 2026, bei einer Radtour mit Groß-Geraus früherem Museumsleiter Jürgen Volkmann.
Historisch fundiert und unterhaltsam zugleich nahm er rund 25 Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit auf eine Reise durch mehr als 2000 Jahre Groß-Gerauer Geschichte. Die Tour gehörte zu den städtischen Angeboten im Zuge der Stadtradeln-Kampagne, die noch bis Samstag, 23. Mai 2026, läuft.
Ihren Ausgangspunkt nahm die Ausfahrt am Stadtmuseum am Groß-Geraer Marktplatz. Der Marktplatz bildete einst die erste Stadterweiterung, als das seit 1398 mit Stadtrechten versehene Groß-Gerau über seine mittelalterlichen Grenzen hinauswuchs.
Auf Esch entstand ab den sechziger Jahren
Von dort ging es in den Stadtteil Auf Esch, dessen Anfänge in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts zurückreichen und der zunächst auch als „Satelliten-Stadt“ bezeichnet wurde. Gewissermaßen als Vorboten der Entwicklung dürfen das 1965 bezogene Landratsamt und das ebenfalls 1965 eröffnete Kreiskrankenhaus gelten, die zu dieser mehr oder weniger auf der grünen Wiese standen, wie Fotos eindrucksvoll belegen.
Die 28,6 Millionen D-Mark teure Klinik zählte mit mehr als 240 Betten seinerzeit zu den modernsten in ganz Hessen. Volkmann ließ auch Erinnerungen an das alte Stadtkrankenhaus aufleben, das 1889 von der Kreissparkasse errichtet worden war. Der Bau an der Gernsheimer Straße musste dem 1977 fertiggestellten Postamt weichen, das seinerseits bald Geschichte sein wird. Auch das 1974 in Betrieb genommene Hallenbad sprach Volkmann an.
Ebbelwoi-Päädsche als kurze Verbindung zum Landratsamt
Mit dem neuen Landratsamt wiederum ist das Ebbelwoi-Päädsche verbunden, denn der damalige Wallerstädter Bürgermeister Helmut Grießer (1926 bis 2024, Bürgermeister von 1955 bis 1977) wünschte sich für seine Bürger eine kurze Verbindung zum Behördenzentrum (zuvor war das Landratsamt am Groß-Gerauer Marktplatz angesiedelt). Der Name des Verbindungswegs spielt zudem auf die Bedeutung des Apfelanbaus in Wallerstädten hin. Zum einen war der Apfelwein der Wallerstädter Gastwirte beliebt, zum anderen wurden beispielsweise im 19. Jahrhundert vom Rheinfelder Hof aus Jahr für Jahr rund 9000 Jungpflanzen in ganz Deutschland verkauft.
Wie Volkmann weiter darlegte, ist die Gegend um Groß-Gerau seit der Jungsteinzeit kontinuierlich besiedelt gewesen. Später folgten auf die Römer die Alemannen, in etwa ab dem fünften Jahrhundert setzte die fränkische Landnahme ein. Ortsnamen mit Endungen auf -heim, -hausen oder -felden deuteten auf die fränkische Landnahme hin.
Auch über das alte Neckarbett, das die amphibische Landschaft des Rieds geprägt hat, und die eiszeitlichen Flugsanddünen Auf Esch und am Sandböhl wusste Volkmann zu berichten.
Einblicke ins römische Groß-Gerau
Am Eschplatz nutzte er den großformatigen Plan des römischen Vicus, um über das römerzeitliche Groß-Gerau zu informieren. Das Kastell, das für eine Kohorte (500 Mann) Hilfstruppen (Auxiliares) ausgelegt war, bestand von zirka 70 bis etwa 120 nach Christus. Die sich darum entwickelnde, langlebigere Siedlung verfügte unter anderem über eine Therme, ein dem Gott Mithras gewidmetes Heiligtum, Handwerksbetriebe und Streifenhäuser (eine Art Reihenhäuser).
Dornberger Schloss wurde 1689 zerstört
Eine weitere Station war das Dornberger Schloss, das 1160 als Sitz der Herren von Dornberg erstmals erwähnt wurde. Nach deren Aussterben fielen ihre Besitzungen 1259 an die Grafen von Katzenelnbogen, die damals zu den reichsten Geschlechtern im Reich zählten. Nach deren Aussterben im Mannesstamm übernahmen die Landgrafen von Hessen das Dornberger Schloss, das am 14. Februar 1689 während des Pfälzischen Erbfolgekriegs beim Abzug der französischen Truppen weitgehend zerstört wurde. Etliche Steine von dort fanden beim Bau der Fasanerie (1722 bis 1726) Verwendungen. Für den Kreis bedeutsam ist das Dornberger Schloss aus zwei weiteren Gründen: 1826 wurde im früheren Amtmannenhaus die Kreissparkasse gegründet, ehe 1832 der Kreis Groß-Gerau aus der Taufe gehoben wurde.
Der Wasserturm steht am „Galgenberg“
Am 1930 als Hindenburg-Befreiungsturm offiziell eröffneten Wasserturm ging Volkmann auf Errungenschaften wie die Versorgung mit Strom und Wasser ein (das Wasserwerk Gerauer Land war 1927 auf Initiative von Groß-Geraus erstem hauptamtlichen Bürgermeister Dr. Bernhard Lüdecke gegründet worden) und weckte Erinnerungen an untergegangene Industriebetriebe wie die Zuckerfabrik, die Konservenfabrik Helvetia, die Union-Brauerei oder die Fagro mit der legendären Handschubkarre „Fips“. Die Geschichte der Bahn in Groß-Gerau streifte Volkmann ebenfalls.
Wo heute der Wasserturm steht, befand sich einst Groß-Geraus Galgenberg, hier wurde die Blutgerichtsbarkeit ausgeübt. Volkmann ging auch auf die als Kindsmörderin verurteilte Susanna Margaretha Brandt ein, die Goethe zur Figur des Gretchens in seinem „Faust“ anregte. Der Groß-Gerauer Scharfrichter Johann Hoffmann setzte Brandts jungem Leben am 14. Januar 1772 an der Frankfurter Hauptwache ein Ende.
Denkmal im Wald erinnert an Lustlager von 1782
Ganz zum Schluss ging es noch zur sogenannten Lustsäule im Groß-Gerauer Wald (nahe der Privilegierten Schützengesellschaft), die an ein zwölftägiges Lustlager erinnert, das der Erbprinz Ludwig von Hessen dort im August 1782 abhielt. Die Säule sollte an die „Glückseligkeit unserer Zeiten“ erinnern. Ob die Groß-Gerauer das ebenso sahen, muss dahingestellt bleiben, denn sie hatten nicht nur den Prinzen und sein Gefolge zu verköstigen, sondern durften auch das Denkmal selbst bezahlen. Der Darmstädter Hofmaler Johann Heinrich Schmidt hielt die Lustlager-Szenerie in einem Gemälde fest.
Für seine Ausführungen erntete Volkmann nach etwas mehr als zwei kurzweiligen Stunden viel Applaus – und aus dem Kreis der Teilnehmenden war der Wunsch zu vernehmen, eine ähnliche Tour auch beim Stadtradeln 2027 anzubieten.
Radtour mit Blau-Gelb Groß-Gerau
Für Donnerstag, 21. Mai, lädt die Stadt in Kooperation mit der Radsportabteilung von Blau-Gelb Groß-Gerau zu einer weiteren Tour ein. Um 18 Uhr geht es von der Martin-Buber-Schule aus auf eine 30-Kilometer-Tour rund um Groß-Gerau; die angepeilte Fahrzeit beträgt knapp zwei Stunden. Teilnahmevoraussetzungen sind ein verkehrstüchtiges Fahrrad und ein Helm.